Der balinesische Charakter
// Abgelegt in: Bali
Literatur
Sir Thomas
Stamford Raffles, britischer Gouverneur von
“Ostindien” (1811-16), gilt als Begründer der
"Javanologie". Fasziniert von der indo-buddhistisch geprägten
Geschichte Javas interessierte sich Raffles auch für die
Nachbarinsel Bali, in der er die Bewahrerin aus Indien importierter
Traditionen sah und die eine günstigere Zukunft erwarten dürfte als
Java. Seiner Überzeugung widersprachen zwar die Niederländer, aber
das Bild einer fossilen Kultur haftete Bali lange Zeit an.
"Ihre Gelassenheit gegenüber der
Unterdrückung, der sie ausgesetzt sind, ihre gute Laune und ihre so
offensichtliche Zufriedenheit ebenso wie ihre Lebhaftigkeit und
ihre größere Tatkraft verleihen ihrem Gesicht, von Natur aus
ehrlicher und ausdrucksvoller als das der Javanesen, mehr Geist,
mehr Unabhängigkeit und mehr Männlichkeit als irgendeinem ihrer
Nachbarn. Sie sind aktiv und unternehmenslustig und haben weder
jene Gemächlichkeit noch jene Gleichgültigkeit, die man an den
Bewohnern von Java beobachten kann. Ihre Bewegungen wirken abrupt,
ungezwungen, vulgär und stoßen den Fremden zunächst ab; aber dieser
Eindruck verliert sich, je besser man sie kennenlernt, und ihre
Offenheit flößt gegenseitiges Vertrauen und Respekt ein. Vor allem
die Frauen, die hier vollkommen gleichberechtigt zu den Männern
leben und von denen keine schweren und entwürdigenden Arbeiten
verlangt werden, wie man sie ihnen auf Java aufbürdet, sind offen
und aufrichtig. Mit ihren Verwandten sind ihre Umgangsformen
freundlich, respektvoll und wohlanständig. Tatsächlich hat wohl das
weibliche Geschlecht auf Bali vergleichsweise mehr Würde und
Ansehen zu erwerben vermocht, als man an einem Ort hätte erwarten
können, wo seit langer Zeit die Polygamie herrscht. Das Verhalten
der Balinesen Kindern gegenüber ist sanft und freundlich, wofür sie
mit Fügsamkeit und uneingeschränktem Gehorsam entgolten werden.
Ihren Oberen gegenüber legen sie respektvolle Ehrerbietung an den
Tag: Mit ihnen verkehren sie fast auf gleichem Fuß und, da sie
nicht abhängig sind, huldigen sie ihnen wenig. Die so verächtliche
Unterwürfigkeit Asiens geht bei ihnen über den notwendigen Gehorsam
gegenüber einer unerläßlichen Autorität nicht hinaus. Ihr Fürst ist
in ihren Augen heilig und erhält uneingeschränkten Gehorsam; aber
ihr Charakter hat sich durch die zahllosen geforderten Gesten der
Unterwerfung nicht verändert, genauso wenig wie ihre Sitten durch
den häufigen Kontakt mit Höhergestellten verfeinert wurden. Daher
wird ein Europäer, der an die feinen und geradezu eleganten
Umgangsformen der Javanesen oder auch an die allen Malaien eigene
Höflichkeit gewöhnt ist, überrascht sein von den rohen und
unhöflichen Sitten, ohne jede Förmlichkeit, der Bewohner von
Bali."
Thomas Stamford Raffles, The History OF Java (1817) ÜBERSETZT VON Gabriele Kalmbach
Thomas Stamford Raffles, The History OF Java (1817) ÜBERSETZT VON Gabriele Kalmbach
