Die kleine Tänzerin
// Abgelegt in: Bali
Literatur
Robert Genin unternahm in
den zwanziger Jahren eine Reise mit dem Schiff nach Java und Bali,
wo ihn exotische Zeremonien wie der Kris-Tanz und das Neujahrsfest,
die Tempel und die in Stein gehauenen Götterfiguren, die
Pfahlhäuser, der Hahnenkampf, die fremden Sitten derMenschen
faszinierten.
"Am zweiten Feiertage sollte die
berühmteste Tänzerin Balis in ihrem Tempel tanzen. Die Fahrt dahin
ging durch Wälder und Haine, an tiefversteckten Strohhütten und
alten, zerfallenen Tempeln vorbei. Endlich hielt der Wagen unter
Kokospalmen an; einige Mädchen erschienen, verschwanden aber bald
wieder. Es war still und menschenleer. Mein Pferdchen wurde
ausgespannt. Ein paar nackte Kinder sahen neugierig zu. Ich betrat
einen weiten Tempelhof, in dem ich seltsame Steinfiguren und die
grotesk geschnitzten Instrumente eines Gamelongorchesters fand. In
den kleinen Haustempeln sah ich einige Frauen mit den Opferschalen
beschäftigt, sonst war es leer. Der Hof mündete in einen prächtigen
Palmenhain, mit zerstreuten Strohhütten darin. Eine derselben, so
sagte man mir, bewohne die Tänzerin. Inzwischen hatten sich die
Musiker langsam bei ihrem Orchester eingefunden. Man hörte Töne,
einzelne Klänge leuchteten auf, einmal glöckchenartig, dann wieder
tief melancholisch. Über der Mauer erschienen jetzt auch die ersten
Zuschauer, hübsche Mädchen lehnten sich über die Brüstung. Meine
Augen waren auf den Palmenhain gerichtet, aus dem die Tänzerin
erscheinen sollte. Meine Spannung war so groß, daß ich nicht einmal
bemerkte, wie der große Tempelhof sich bald mit Mengen bunten Volks
gefüllt hatte. Unablässig starrte ich der Erwarteten entgegen...
Die Wirklichkeit übertraf alle meine Erwartungen. Ja, hier wurde
die Wirklichkeit zum Märchen. Aus dem Hain trat eine verzauberte
Prinzessin, ein großer Paradiesvogel, nein, ein goldener
Blumenstrauß... Das Märchengeschöpf kam gerade auf das
Gamelongorchester zu und setzte sich auf einen Stuhl. Ein Wunder
der Tropen, voll asiatischer Pracht, asiatischem Raffinement, und
doch gleichzeitig ein Bild kindlicher Zierlichkeit und unberührter
Anmut. Dieses Wesen kam aus einer fernen Welt. Es mußte von Dämonen
und Göttern wissen, mit denen es geheimnisvoll verbunden war. Die
kleine Tänzerin saß ganz still, aber man sah, ihre Glieder waren
elektrisch geladen. Dunkel und geheimnisvoll schauten ihre Augen
aus dem blassen, gepuderten Gesicht. Aus dieser tiefen
Versunkenheit erwachte sie erst mit dem ersten Gamelongklange. Und
siehe, jetzt hoben sich, kaum bemerkbar, ihre feinen Glieder. Die
Hand, die versteinert geschienen, begann sich zu regen, die Finger
fingen an zu zittern. Über ihren Hals glitt ein Zucken, ihr Kopf
hob sich zum Himmel empor. Nun war der starre Körper zum Leben
erwacht. Er löste sich langsam vom Sitze ... Der Paradiesvogel ließ
seine Federn blitzen, seine Augen begannen zu strahlen, und
plötzlich schoß er unter den tobenden Klängen des Orchesters nach
vorn. Alle Leidenschaften des Lebens wurden sichtbar. Glühender
Fanatismus, tiefer Ernst, fromme Gläubigkeit schwang in diesem
jähen Wechsel an Bewegung. Endlich wich sie zurück, sank auf ihren
Stuhl und wurde wieder zu Stein. Dieser Tanz ist für mich der
stärkste Eindruck und das tiefste künstlerische Erlebnis während
meines Aufenthaltes auf Bali geblieben. Das Mädchen war 13 Jahre
alt und hieß Diablet."
Robert Genin, Die FERNE Insel. Aufzeichnungen VON MEINER Fahrt NACH Bali, Wegweiser-Verlag, Berlin 1928
Robert Genin, Die FERNE Insel. Aufzeichnungen VON MEINER Fahrt NACH Bali, Wegweiser-Verlag, Berlin 1928
