Zwischen Kampf und Trance
// Abgelegt in: Bali
Literatur
Margaret Mead (1901-79)
unternahm zahllose Forschungsreisen ins Feld – unter anderem
nach Samoa, Neuguinea und den Admiralitätsinseln – und
veröffentlichte mehr als 20 Bücher über die Ergebnisse ihrer
Untersuchungen. Die Kulturanthropologin und ihr Ehemann Gregory
Bateson (1904-80) entdeckten Bali für sich in den 30er Jahren, wo
sie in Bayung Gede (unweit von Batur), Bangli und Batuan
lebten.
"Die Häuser waren verhältnismäßig klein, doch sehr schön gebaut und zusammengefügt, die Tempel bestanden zum größten Teil aus terrassierten offenen Höfen und kleinen Schreinen, in denen Hindu- und Vorhindugötter gemäß einem höchst komplizierten Kalender verehrt wurden. Die Priester und Schreiber verstanden die Kunst, in einer alten Schrift auf Blättern, die aus Palmblättern herausgeschnitten wurden, zu schreiben. [...]
"Die Häuser waren verhältnismäßig klein, doch sehr schön gebaut und zusammengefügt, die Tempel bestanden zum größten Teil aus terrassierten offenen Höfen und kleinen Schreinen, in denen Hindu- und Vorhindugötter gemäß einem höchst komplizierten Kalender verehrt wurden. Die Priester und Schreiber verstanden die Kunst, in einer alten Schrift auf Blättern, die aus Palmblättern herausgeschnitten wurden, zu schreiben. [...]
"[...] Die Künste, vor allem das
Tanzen, die Musik und das Theater waren hervorragend entwickelt,
und ein großer Teil der Zeit einer Bevölkerung, deren
entrückt-traumartiges Verhalten sich mit einer Fähigkeit zu fast
endloser, unermüdlicher Aktivität verbindet, wurde auf die
Vorbereitung einer dramatischen Zeremonie nach der anderen
verwendet. Das Spielen, das vor allem um die Hahnenkämpfe kreiste,
stand hoch in Blüte; das Trinken kam trotz der leicht zur Verfügung
stehenden berauschenden Getränke selten vor. Trancezustände,
Wahrsagen und kalendarisch festgelegte Rituale spielten alle im
religiösen Leben ihre Rolle, das jedes einzelne Ereignis des
täglichen Lebens auf Bali durchsetzte, von dem kleinen Opfer, das
man nach jeder Mahlzeit darbringt, bis zu den Zeremonien der
Fürsten, die Hunderttausende von Gulden kosten konnten. Trotz der
auffälligen Unterschiede im Zeremoniell und Symbolismus zwischen
Fürst und Bauer, Brahmanenpriester und lokalem
Dorftempel-Geistlichen, zwischen dem rauhen Handwerker aus den
Bergen und dem Künstler der Ebene, stand ein großer Teil des
balinesischen Lebens jedermann offen. Und wenn wir auch extreme und
in jede Einzelheit reichende Unterschiede zwischen verschiedenen
Teilen Balis, zwischen dem formellen Betragen verschiedener Kasten
oder zwischen verschiedenen Priestersekten finden, so scheint doch
die Charakterstruktur recht gleichförmig zu sein, mit nur kleinen
Unterschieden zwischen den Einwohnern des einen Dorfes, die niemals
in Trance fallen und dem anderen, in dem fast jedermann in Trance
fällt."
Margaret Mead, Mann und Weib (1949), Übersetzt von Arnim Holler, Rowohlt, Reinbek 1985
Margaret Mead, Mann und Weib (1949), Übersetzt von Arnim Holler, Rowohlt, Reinbek 1985
