Familienstreitigkeiten
// Abgelegt in: Bali
Literatur
I Gusti Putu Arya
Tirtawirya stammt aus einer balinesischen Familie, die auf
Lombok lebt. Der Romanautor und Essayist führt uns in den
geschlossenen Kosmos des Familienverbundes und beschreibt dem Leser
eine andere Facette Balis, die nichts zu tun hat mit der
friedlichen und harmonischen Welt, von der normalerweise erzählt
wird. In dem Bild, das er von Bali zeichnet, beeinflussen eine
übertriebene Empfindlichkeit die Sorge um den wohlanständigen
Schein und den Klatsch die Gesamtheit aller sozialen Beziehungen,
besonders innerhalb der einzelnen Großfamilie. Daher rühren die
häufigen häuslichen "Kriege", die gewissermaßen der Preis für den
öffentlichen Frieden sind.
”In dem umfriedeten Gehöft der
Familie markierte der Wohnbereich von Großmutter die Grenze
zwischen den beiden Zweigen der Familie. [...] Man konnte das Haus
reit der Form eines Vogels mit großen Schwingen vergleichen, wobei
der Wohnbezirk von Großmutter den Körper darstellte, vom Kopf bis
zum Schwanz, während die Höfe der Familien ihrer beiden Töchter die
beiden Flügel bildeten, der von Rai im Westen und der von Raka im
Osten. Mit zunehmendem Alter war Großmutter immer häufiger krank.
Überdies schien die gespannte Atmosphäre, die die Stimmung im
ganzen Haushalt färbte, ihr aufs Gemüt zu schlagen. Diese Spannung
war entstanden, als sich das Gerücht durch den ganzen Haushalt
verbreitete, daß einer der Söhne von Rai sich in Unkosten für die
Sechs-Monatsfeier seines Babys stürzen wollte: Er wollte ein
Schauspiel kommen lassen und ein Festmahl mit einem frisch
geschlachteten Schwein geben. Die Bande, die so lange die Familien
der beiden Töchter verbunden hatten, begannen sich zu lockern, als
das Gerede betreffs der Vorbereitung der Feierlichkeiten in den
Ostflügel, zur Familie von Raka, gelangten. »Sie sagen, daß ein
einziger Tropfen verschütteten Indigos einen ganzen Eimer Milch
sauer werden lassen kann.«. So gelangte die Nachricht schließlich
auch bis zu Gusti Ayu Rai. Ihre Augen – oder vielmehr ihr
Herz – begannen zu brennen, denn das Problem der geplanten
Feier war ein Thema, das mit ihrer Ehre als Mutter zu tun hatte.
Natürlich wußte Gusti Ayu Rai, daß einige Monate zuvor, noch vor
der Geburt des Babys, dessen sechster Monat jetzt gefeiert werden
sollte, der Vater des Kindes in einem Nachbardorf beinahe gelyncht
worden wäre. Es schien so, als habe der Sohn von Rai eine große
Summe bei einer Hahnenkampfwette verloren. Daraufhin hatte er sich
das Moped eines Freundes ausgeliehen und es versetzt, in der
Hoffnung, das Geld dazu benutzen zu können, das Verlorene
zurückzugewinnen. Aber offensichtlich hatte er ein zweites Mal
verloren und es mehrere Tage lang geflissentlich vermieden, sich zu
zeigen, aus Furcht vor der natürlich erwartbaren Strafe. Der
Besitzer des Mopeds hatte dieses tagelang gesucht, wobei seine Wut
in dem Maße wuchs, in dem ihn die Sucherei nach dem Sohn von Rai
ermüdete. Schließlich erwischte er ihn in einem benachbarten Dorf
und nahm ihn sofort zur Brust. Die Menge, die herbeigerannt war,
fieberte vor Ungeduld, sich zu schlagen, und hatte begeistert die
Gelegenheit ergriffen, sich gegen den Sohn von Rai
zusammen-curotten, und ihn beinahe zu Tode geprügelt. Großmutter
wußte, was die Familie von Raka von ihr erwartete. Sie hofften, daß
sie ihre Autorität als Mutter dazu gebrauchen würde, den Sohn von
Rai hinauszuwerfen. Es schien ihnen, als ziehe er das Unglück an;
es war doch offensichtlich, daß sein Karma ihn in diese mißliche
Situation gebracht hatte. Oder wie hätte man sonst solche
Vorkommnisse erklären können?"
I Gusti Putu Arya Tirtawirya, Grandmother (1973), Balai Pustaka, Jakarta, Übersetzt von Gabriele Kalmbach
I Gusti Putu Arya Tirtawirya, Grandmother (1973), Balai Pustaka, Jakarta, Übersetzt von Gabriele Kalmbach
